Volatilität und Risiko

Schwankungen bei der Wertentwicklung einer Vermögensanlage empfinden wir meist als „Risiko“. Wir Deutschen sind auch sehr schnell geneigt, bei Schwankungen im Verlauf einer Wertentwicklung vor allem die Bewegung nach unten wahrzunehmen. Rückschläge in der Entwicklung einer Geldanlage mögen wir nicht. Wir hätten viel lieber die Garantie, dass ein Wertrückgang niemals eintritt.

Um herauszufinden, welche Risiken für uns akzeptabel sind und welche nicht, sollten wir zunächst einmal definieren, was für wir unter dem Begriff „Risiko“ verstehen.

Die professionell-wissenschaftliche Definition

Der Investmentprofi spricht von Volatilität. Dies ist für ihn das Maß für die Schwankung um einen Mittelwert. Die Größe dieser Abweichung um den Mittelwert ist für ihn eine Kennziffer, die angibt, wie hoch das Risiko einer bestimmten Kapitalanlage ist. Hohe Abweichungen vom Mittelwert bedeuten hohes Risiko, geringe Abweichungen vom Mittelwert bedeuten geringes Risiko.

Dummerweise unterscheidet diese professionelle Betrachtung nicht, ob die Entwicklung des Mittelwerts nach oben oder nach unten gerichtet ist. Daraus folgt die (professionelle!) Folgerung:

  • Ein Anlageprodukt, das jedes Jahr (gleichmäßig!) fünf Prozent Wertverlust erleidet, weist eine sehr geringe Volatilität, also ein sehr geringes Risiko auf, auch wenn nach zehn Jahren die Hälfte der Anlagesumme verloren ist.
  • Ein anderes Anlageprodukt, das über zehn Jahre tendenziell an Wert zunimmt, dies jedoch mit heftigen Schwankungen um den Mittelwert (= hohe Volatilität), weist ein sehr hohes Risiko auf, auch wenn am Ende der Anlagezeit eine Verdoppelung der ursprünglichen Anlagesumme erreicht ist.

Diese Betrachtung hilft uns also bei der Auswahl von privaten Vermögensanlagen nur bedingt weiter.

Schaubild:
Fiktive Vermögensanlage mit geringer Volatilität

Diese fiktive Vermögensanlage hat in 10 Jahren 50 % ihres Wertes verloren. Da dier Wertverlust jedoch sehr gleichmäßig (also mit sehr geringen Abweichungen um den "Mittelwert") vonstatten ging, hätte eine solche Vermögensanlage eine geringe Vola-Kennziffer.

Diese fiktive Vermögensanlage hat in zehn Jahren 50 Prozent ihres Wertes verloren. Da dier Wertverlust jedoch sehr gleichmäßig (also mit sehr geringen Abweichungen um den Mittelwert) vonstatten ging, hätte eine solche Vermögensanlage eine geringe Vola-Kennziffer.

 

Schaubild:
Beispiel aus der Praxis mit hoher Volatilität

Der deutsche Aktienindex DAX erzielte (in diesem Beispiel über 10 Jahre von 1990 bis 1999) einen Wertzuwachs von über 250 %. Diese Entwicklung verlief jedoch nicht gleichmäßig, sondern mit hohen Abweichungen vom Mittelwert, also mit einer hohen "Volatilität", die wir allgemein als "Risiko" empfinden.

Der deutsche Aktienindex DAX erzielte (in diesem Beispiel über zehn Jahre von 1990 bis 1999) einen Wertzuwachs von über 250 Prozent. Diese Entwicklung verlief jedoch nicht gleichmäßig, sondern mit hohen Abweichungen vom Mittelwert, also mit einer hohen „Volatilität“, die wir allgemein als „Risiko“ empfinden.

Merke:
Ein Anlageprodukt, das in der Vergangenheit eine hohe Wertschwankung (Schwankung der Wertentwicklung um den Mittelwert) aufwies, wird als sehr volatil oder als sehr risikoreich bezeichnet. Dieses professionell gemessene “Risiko” muss jedoch nicht zwingend zu einem persönlichen Anlage-Verlust führen. Es hängt davon ab,

  • wie lange es dauert, bis eine “Schwankung nach unten” wieder zurückpendelt
  • wie hoch die darauffolgenden “Schwankungen nach oben” sind
  • wie lange die persönliche Anlagedauer ist und
  • wieweit der Anleger die persönliche Freiheit hat (und nutzt!), nach einer starken „Schwankung nach oben“ das bisher Erreichte sicherzustellen

Sehen Sie hierzu das Video mit Betrachtungen zum grundsätzlichen und persönlichen Risiko:

Was ist Risiko? (8:25 Min)

 

Risiken bewusst und kontrolliert eingehen

Wenn wir einen Vermögenswert anlegen, der uns jederzeit wieder zur anderweitigen Verwendung zur Verfügung stehen muss, dann darf die Wertentwicklung dieser Kapitalanlage keinen Schwankungen unterliegen. Hier führt eine hohe Volatilität (= Schwankung der Wertentwicklung um einen Mittelwert) zu einem persönlichen Risiko, wenn die Auflösung dieser Kapitalanlage zur Unzeit erfolgen müsste, also dann, wenn gerade einmal eine „Schwankung nach unten“ eingetreten ist. Dann könnten wir die nächste „Schwankung nach oben“ nicht mehr nutzen: Wir müssten einen endgültigen Verlust in Kauf nehmen.

Schaubild:
Nach einem Rückgang die nächste “Schwankung nach oben” abwarten

Volatilität bedeutet "Schwankungsbreite um einen Mittelwert". Wenn der Anleger nach einer "Schwankung nach unten" genügend Zeit hat, die nächste "Schwankung nach oben" abzuwarten, kann er das aus einer hohen Volatilität folgende systematische Risiko grundsätzlich in Kauf nehmen.

Volatilität bedeutet „Schwankungsbreite um einen Mittelwert“. Wenn der Anleger nach einer „Schwankung nach unten“ genügend Zeit hat, die nächste „Schwankung nach oben“ abzuwarten, kann er das aus einer hohen Volatilität folgende systematische Risiko grundsätzlich in Kauf nehmen.

Daraus folgt im Umkehrschluss: Vermögensanlagen, die zur jederzeitigen und kurzfristigen Verfügung stehen müssen, dürfen in ihrer Wertentwicklung keine hohe Abweichung vom Mittelwert, also keine hohe Volatilität, aufweisen. Für diesen Teil der Vermögensanlagen folgt aus einer hohen Volatilität stets ein hohes persönliches Risiko.

Wenn wir jedoch für einem anderen Teil unserer Vermögensanlagen eine lange Anlagedauer eingeplant haben, spielen die Schwankungen auf dem Weg zu einer langfristig positiven Wertentwicklung nicht die entscheidende Rolle. Dann wäre die Schwankung an sich ein bewusst eingegangenes Risiko und nur eine ungleichmäßige Wertentwicklung auf dem Weg zu einem langfristigen Wertzuwachs. Ein engagierter Fondsmanager kann aus dieser Volatilität sogar einen zusätzlichen Nutzen ziehen, indem er diese Langfrist-Anlagen ganz gezielt nach einem Rückgang aufstockt.

Das statistische Risiko (die „Volatilität“) bedeutet nicht in jedem Fall das gleiche persönliche Risiko für unsere Vermögensanlagen. Zum Vermögensverlust wird eine „Schwankung nach unten“ nur dann, wenn die Vermögensanlage genau dann aufgelöst werden muss. In diesem Fall – und nur in diesem Fall! – ergibt sich aus der Schwankung tatsächlich ein endgültiger Vermögensverlust.

Totalverlust ausschließen

Völlig anders sieht es bei Vermögensanlagen aus, die – häufig ohne vorausgehende Schwankungen – plötzlich unwiderruflich wertlos werden können. Dies erlebten in jüngster Vergangenheit z.B. die Anleger, die (vermeintlich sichere, weil schwankungsarme) Zertifikate der Lehmann-Bank besaßen: Wenige Tage, nachdem die internationalen Ratingagenturen der Bank wiederholt ein exzellentes Rating bescheinigt hatten, fiel die Bank in Konkurs. Alle Forderungen an die Bank wurden zum Totalverlust. Auch bei manchen Staatsanleihen stellt sich heute die Frage, ob die Rückzahlung dieser Anleihen noch so „sicher“ ist wie früher unterstellt.

Grundsätzlich können solche negativen Überraschungen niemals vollständig ausgeschlossen werden. Ein sinnvoller Schutz vor allzu großen Vermögensverlusten durch nicht vorhersehbare Risiken ist, den Grundsatz der breiten Streuung zu beachten: Aufteilung der Vermögenswerte auf viele Positionen mit sehr unterschiedlichen Eigenschaften vermeidet, dass der Eintritt eines Totalverlust-Risikos einen zu großen Anteil des Gesamtvermögens vernichtet.

Merke:
Schwankungen in der Wertentwicklung einer langfristig werthaltigen Vermögensanlage sind immer dann ein bewusst eingegangenes Risiko, wenn genügend Zeit verbleibt, die nächste „Schwankung nach oben“ abzuwarten. Auch Vermögensanlagen ohne Wertschwankungen können durchaus das Risiko beinhalten, unerwartet wertlos zu werden.