Großbritannien nach der Unterhauswahl

Von Walter Feil

Kaum ein Jahr nach der überraschenden Brexit Entscheidung der englischen Wähler am 23. Juni 2016 ist das Land erneut in den medialen Mittelpunkt gerückt. Die unerwartete krachende Niederlage der regierenden Tories kurz vor den am 19.06.2017 beginnenden Austrittsverhandlungen mit der EU hat Großbritannien erneut ins politische Chaos gestürzt. Rücktrittsforderungen der Labourpartei um Wahlherausforderer Jeremy Corbyn tritt Premierministerin Theresa May bislang energisch entgegen. Sie vertraut auf eine Koalition mit der Demokratischen Unionistischen Partei Nordirlands (DUP), einer Partei, die extrem konservative Werte vertritt. Die Verhandlungen über eine Koalition haben aber gerade erst begonnen. Noch lässt sich in keiner Weise sagen, welchen Einfluss das auf den harten Kurs bei den Austrittsverhandlungen, den sich Theresa May vorgestellt hat, haben wird.

 

Unforced Error

Als Theresa May, getragen von einer hohen Akzeptanz in der Bevölkerung über Ihren Brexitkurs und berauscht von traumhaften Umfrageergebnissen am 18. April dieses Jahres, völlig überraschend Neuwahlen verkündete, war sie sich sicher, die Wahlen mit deutlichem Vorsprung zu gewinnen. Genau wie seinerzeit ihr Vorgänger David Cameron sicher war, dass die Briten sich bei der Volksabstimmung für einen Verbleib in der EU aussprechen. In beiden Fällen, so hat die Geschichte gezeigt, haben sich die Chefs der Tories verzockt. Im Tennis würde man sagen: unforced error, vermeidbarer Fehler!

 

Die eiernde Lady

So titelte Spiegel Online noch in der Nacht, als feststand, dass die Tories die absolute Mehrheit im Unterhaus verloren haben! Der Plan, mit einer starken Mehrheit im eigenen Land in die Austrittsverhandlungen mit der EU zu gehen und einen harten Brexitkurs anzuschlagen, ist gescheitert! Ob es überhaupt am 19.06.2017 an den Verhandlungstisch geht, ist sehr fraglich und abhängig davon, ob es bis dahin zu einer Einigung mit der DUP über den Austrittskurs geben wird.

 

Es geht um viel

Einerseits gilt es, Handelsbeziehungen festzulegen und letztlich um Forderungen der EU, Finanzierungszusagen der Briten von bis zu 100 MRD Euro einzufordern. Aber auch die wirtschaftlichen Folgen für das Land zeichnen sich so langsam ab. So hat JP Morgan verkündet, 1.000 Banker aus London abzuziehen und die Deutsche Bank gar 4.000! Immerhin die Hälfte des Personals. Aber auch andere Bereiche sind betroffen. Noch dramatischer könnte die Entwicklung im Handel von Derivaten (Termingeschäfte) an der Londoner Börse ausfallen. Laut Handelsblatt  könnten mindestens 100.000,  im schlimmsten Fall sogar 200.000 Jobs in Gefahr sein. Die Vormachtstellung des Finanzplatzes London dürfte somit ernsthaft in Gefahr sein und weitere Arbeitsplätze in London gefährden.

Freuen können sich allenfalls Touristen,  die überlegen, in England Urlaub zu machen. Die Schwäche des englischen Pfundes dürfte anhalten!